Interview mit Sabine Weigand zu ihrem Romanen

Cordelia Borchardt: In Ihren Romanen sind die Hauptfiguren historisch real dokumentierte Personen. Warum?
Sabine Weigand: Ganz einfach: Weil mir die historische Wahrheit wichtiger ist als die Fiktion. Und nichts ist authentischer als eine Hauptfigur, die es wirklich gegeben hat. Das erschwert natürlich die Suche nach neuen Themen – es ist viel leichter, eine Figur zu erfinden, als eine zu entdecken, deren Leben genug Stoff für einen Roman liefern kann. Mich fasziniert, wenn Frauen sich aus der ihnen damals vorgegebenen Rolle befreien, wenn sie sich quasi über ihre Zeit hinausheben. Es ist gar nicht so einfach, solche historischen Frauengestalten zu finden. Dabei darf keine Protagonistin entstehen, die quasi eine „moderne“ Frau mitten im Mittelalter ist, das wäre absolut unglaubwürdig. Also interessiert mich als Vorbildfigur für eine Romanheldin eine Frau, die im Denken und Handeln schon noch im damaligen „Zeitgeist“ verhaftet ist, die aber Fragen stellt, kritisch ist und stark genug, eigene Wege und Antworten zu finden, sich evtl. sogar aufzulehnen. So wie die Markgräfin in meinem ersten Roman z.B., die nicht mehr Objekt der Heiratspolitik ihrer Familie sein will. Oder die Helena im „Perlenmedaillon“, die sich von ihrem gewalttätigen Mann scheiden lassen will. Das sind Charaktere, die mich fesseln und die ich gerne romanhaft verarbeite.
Cordelia Borchardt: Wie finden Sie Ihre Figuren in der Historie?
Sabine Weigand: Die meisten meiner Romanfiguren entdecke ich bei historischen Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten in Archiven und in der Fachliteratur. Als ich zum Beispiel in zeitgenössischen Biographien für einen Vortrag über August den Starken recherchierte, hat mich eine seiner Mätressen sofort fasziniert: Fatima, die Türkin. Tatsächlich wurde sie als Kind während der Türkenkriege nach einer verlorenen Schlacht „gefunden“ - in einer verlassenen Zeltburg. Darüber gibt es zeitgenössische Berichte. Und im Dresdener Staatsarchiv liegen noch Briefe, die sie selbst geschrieben hat. Daraus wurde „Die Königsdame“. Oder Barbara von Brandenburg, die „Markgräfin“: Bei den Forschungen zu meiner Doktorarbeit entdeckte ich im Staatsarchiv Nürnberg einen ganzen Stoß Quellen über sie, die ihr ganzes Leben greifbar machten. Bei der Judenärztin Sara in „Die silberne Burg“ war es schon schwieriger, hier befinden wir uns bereits in der quellenarmen Zeit um 1400. Sara begegnete mir in einem Fachaufsatz des 19. Jahrhunderts, worauf ich ins Staatsarchiv Würzburg fuhr und dort alles durchforstete, was an Archivalien in dieser Zeit in Frage kam. Schließlich fand ich über sie zwei Einträge in Kopialbüchern und eine große Urkunde. Und solch ein Fund ist dann der Beginn einer Geschichte...
Cordelia Borchardt: Ein besonderes Merkmal Ihrer Romane ist es, dass Sie Originaldokumente in den Erzählfluss einbauen. Was gefällt Ihnen so am O-Ton?
Sabine Weigand: Es war und ist mir stets ein Anliegen, meinen Lesern die Vergangenheit so nahe wie möglich zu bringen, den Abstand zwischen „heute“ und „damals“ zu verringern. Dabei ist mir weniger eine rationale Annäherung durch Zahlen und Fakten wichtig, sondern vielmehr eine emotionale Annäherung an das Leben in früheren Jahrhunderten, und vor allem auch die historische Wahrheit. Deshalb arbeite ich, wo immer es geht, mit Quellen aus der damaligen Zeit. Und genau diese Quellen webe ich in meinen Text ein. So können die Figuren, wenn man so will, direkt und ohne Umweg zum Leser sprechen. Die Zeit und ihre Menschen erwachen wieder zum Leben. Ich bin überzeugt, dass sich mit solchen Einflechtungen von zeitgenössischem Material eine Authentizität erreichen lässt, die man als heutiger Autor gar nicht „herbeischreiben“ kann.
Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, solche Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit in den Händen zu halten. Verblichene Schrift auf knittrigem Papier, der typische Geruch uralten Staubs. Manches lässt sich nur schwer entziffern, manches leicht. Es liegt nicht nur an der alten Schrift, die so ganz anders ist als alles, was wir heute gewöhnt sind. Es liegt auch an der Sprache der Vergangenheit. Man muss sich einfühlen, Übung bekommen. Das dauert eine ganze Zeit; ein Ungeübter kann solche Quellen auf Anhieb überhaupt nicht lesen. Bei meinen Lesungen zur „Silbernen Burg“ habe ich immer eine Kopie der Urkunde zu Sara dabei und lasse sie herumgehen. Das führt immer zu großem Staunen bei meinen Gästen.
Cordelia Borchardt: Worin sind uns die historischen Epochen, die Sie schildern, sehr nah, worin liegen sie uns fern?
Sabine Weigand: Vieles, was die Menschen damals bewegt hat, können wir verstehen. Sie lieben wie wir, sie haben Ängste wie wir, Wünsche und Träume, empfinden wie wir Trauer oder Wut. Solche Emotionen, persönliche Eigenschaften oder menschliche Regungen sind für uns nachvollziehbar. Aber: Die Menschen der Vergangenheit waren anders sozialisiert und richteten ihr Leben nach anderen Schwerpunkten aus. Zum Beispiel würde niemand im Mittelalter ein Problem darin sehen, nackt mit einem wildfremden Menschen in einem Bett zu schlafen. Man schlief überhaupt nie allein, so etwas wie Privatsphäre gab es nicht. Und jemand im Barock fände überhaupt nichts dabei, in aller Öffentlichkeit seine Notdurft zu verrichten. Er hätte panische Angst vor dem Baden gehabt und sich täglich parfümiert anstatt sich zu waschen. Dies nur als Beispiel für Verhaltensweisen, die uns schon sehr fern sind. Und wir dürfen auch nicht vergessen, wie sehr sich zum Beispiel das Leben der mittelalterlichen Menschen am Glauben – und am Aberglauben - orientiert hat. Wie stark die Kirche mit ihren Gesetzen und Vorschriften das Denken prägte. Wie gefangen man war in Ängsten und Vorurteilen. Aber: Wir können nicht die Handlungs- und Reaktionsmechanismen von Menschen des 16. oder 17. Jahrhunderts an Maßstäben des 21. Jahrhunderts messen. Wer das tut, verlangt von den damals Beteiligten das Unmögliche, nämlich eine Denkweise, die erst die ferne Zukunft bringen sollte.
Das gilt zum Beispiel in dem Roman „Die silberne Burg“ für die Verfolgungen, denen die Juden im Mittelalter ausgesetzt waren. Wobei: Gerade hier können wir nicht mehr darauf verweisen, dass dies ein Phänomen der Vergangenheit war - der Nationalsozialismus hat direkt an die Denkweisen und Vorurteile des Mittelalters angeknüpft und sich diese zunutze gemacht. Alles in allem ist die Vergangenheit, so nah oder fern sie jedem Einzelnen von uns sein mag, immer ein ferner Spiegel unserer Zeit.
Cordelia Borchardt: Beschreiben Sie uns Ihre Recherche für die „Seelen im Feuer“. Wo forschen Sie, wie machen Sie aus dem Material lebendige Geschichten und Schicksale?
Sabine Weigand: Ich bereite einen Roman prinzipiell genauso vor wie einen historische Forschungsarbeit oder ein Sachbuch. Allerdings: Ein Sachbuch ist viel einfacher zu schreiben als ein Roman. Es gibt Vorgaben dazu, wie man wissenschaftlich exakt arbeitet, man hat seine Quellen und seine Sekundärliteratur und hält sich eben an das, was diese hergeben. Für einen Roman brauche ich all das, was für ein Fachbuch auch nötig ist und noch viel mehr. Ich mache die gleichen Recherchen, hole mir alle verfügbaren fachlichen Informationen. Dazu lese ich natürlich alles, was an Sekundärliteratur verfügbar ist. Aber das Wichtigste sind immer die Quellen. Bei den „Seelen im Feuer“ konnte ich aus dem Vollen schöpfen: Im Fall des Bamberger Hexenwahns war die Quellenlage sensationell gut. Die kompletten Hexenakten aus dem 17. Jahrhundert sind uns erhalten geblieben. Folterprotokolle, Testamente, Geständnisse, Urteile, Gnadenzettel, Brennholzrechnungen, Speisezettel, Briefe und Anklageschriften. So viel historische Grundlage ist ein Glücksfall. Und dort, wo die historischen Fakten nicht alles abdecken, setzt meine Phantasie als Autorin ein. Dann fülle ich das ganze noch mit Leben, stopfe die Löcher, die die Quellen offen lassen. Ich brauche ja einen Spannungsbogen, eine schlüssige Handlung und attraktive Figuren. Und ich kann auf dem Wege der Unterhaltung historische Inhalte vermitteln, was mir ganz besonders wichtig ist. Ich will mit meinen Romanen Informationen transportieren, nicht einfach nur eine Liebesgeschichte erzählen, die in früherer Zeit spielt. Dazu bin ich zu sehr Historikerin. Wenn mir dann jemand sagt, er habe aus meinem Buch viel gelernt und dabei auch noch Spaß gehabt, bin ich ziemlich glücklich.
Cordelia Borchardt: Wie und wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen?
Sabine Weigand: Ehrlich gesagt: aus Langeweile. Ich musste nachmittags zuhause sein, weil mein Sohn nur einen Halbtagesplatz im Kindergarten hatte. Und da blieb viel Zeit. Von meinen fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und Aufsätzen war es da nicht weit zum belletristischen Schreiben. Weil ich Historikerin bin, lag ein historischer Roman nahe. Die Hauptfigur meines ersten Titels, die Markgräfin von Brandenburg-Ansbach, hatte ich schon bei den Recherchen für meine Dissertation im Archiv entdeckt.
Ich habe meinen Laptop auf dem Küchentisch aufgebaut und sämtliche Unterlagen auf der Eckbank verteilt. Und immer wenn mein Sohn Ruhe gab, die Kartoffeln im Topf blubberten und die Waschmaschine rumpelte, hab ich ein bisschen geschrieben, einfach so ins Blaue hinein. So haben wir drei Jahre lang nicht mehr in der Küche gegessen...
Dann war das Buch fertig, und ich habe es ohne große Erwartungen einigen Verlagen angeboten. Wenn ich damals schon gewusst hätte, wie selten es vorkommt, dass ein unverlangt eingesandtes Manuskript veröffentlicht wird, hätte ich mir vermutlich das Porto gespart. So habe ich einfach den naiven Versuch gewagt, und es hat geklappt.
Cordelia Borchardt: Haben Sie unter Ihren Figuren besondere Favoriten?
Sabine Weigand: Eigentlich mag ich immer diejenigen Figuren am liebsten, über die ich gerade aktuell schreibe. Man baut dabei ja eine Art Beziehung zur jeweiligen Figur auf, fast wie zu einem „richtigen“ Menschen. Wenn ich so zurückdenke, dann habe ich in jedem meiner Romane einen oder mehrere Lieblinge. In der „Markgräfin“ ist es die Protagonistin selber, die sich so tapfer gegen ihre Familie auflehnt. Beim „Perlenmedaillon“ mag ich die Figur der Anna, sie schafft es, ihr Leben trotz aller Widrigkeiten selber in die Hand zu nehmen. In der „Königsdame“ hat mir der französische Gesandte am meisten Spaß gemacht, der in seiner feinen Ironie den Dresdener Hof mit amüsanten Kommentaren belegt. In der „Silbernen Burg“ hat es mir natürlich die Ärztin Sara angetan, die so viel erdulden muss und nie den Mut verliert. Aber auch der sensible Ciaran, hin- und hergerissen zwischen Glauben und Lebensgier. Und gerade schreibe ich an einem neuen Roman über die Heilige Elisabeth von Thüringen, in dem u.a. ein kleiner Junge von seinem Leben in Armut erzählt. Den habe ich ganz besonders ins Herz geschlossen.
Cordelia Borchardt: Gibt es ein historisches Phänomen, das Sie besonders fasziniert?
Sabine Weigand: Der Hexenwahn ist ein faszinierendes historisches Phänomen, nicht zuletzt weil die Gründe dafür so vielschichtig sind. Das geht über Religion, Politik, Soziologie, bis in die Tiefenpsychologie hinein. Auch die Geschichte der Juden in Mitteleuropa ist ein interessantes Thema. Wie kommt es zu den Verfolgungen und Pogromen? Warum dieses Feindbild, das die christliche Seite so stark kultiviert?
Ganz aktuell beschäftigt mich das Phänomen „religiöser Wahn“. Wie kann es sein, dass sich eine adelige Frau wie Elisabeth von Thüringen völlig wegorientiert von den Werten ihres Standes, sich entfernt von Familie und Freunden und nur noch ihren Glaubensidealen lebt? Wie kommt es, dass sich eine Fürstin ihrem Beichtvater bis hin zur psychologischen Sado-Maso-Beziehung unterwirft? Seinetwegen ihre Kinder fortgibt? Eine Heiligsprechung förmlich als Lebensziel anstrebt? Elisabeth wird mit jeder Zeile, die ich über sie schreibe, faszinierender. Auch wenn das Rosenwunder, das ihr zugeschrieben wird, nie stattgefunden hat...
Cordelia Borchardt: Gibt es Themen und Fragen, nach denen Sie bei Ihren Lesungen immer wieder von Ihrer Leserschaft gefragt werden?
Sabine Weigand: Viele wollen wissen, wie lange ich für einen Roman brauche. Das sind im Normalfall anderthalb Jahre. Ich weiß, andere sind da oft schneller, aber: Für ein Buch brauche ich eine durchschnittliche Recherchezeit von einem Dreivierteljahr, der Rest ist Schreibzeit. Natürlich fahre ich dorthin, wo meine Schauplätze sind, meist mehrfach. Und ich hole mir meine Details aus den Archiven, arbeite viel mit Quellen. Zeitsparend wirkt sich dagegen aus, dass man als Historikerin mit langjährigem Faible für Alltags- und Sozialgeschichte schon viel Wissen anhäuft, das man bei Bedarf abrufen kann.
Gern wird gefragt, ob meiner Schriftstellerei eine Art „Programm“ zugrunde liegt. Das ist tatsächlich so. Es gibt eine Theorie des historischen Romans von dem amerikanischen Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, an die ich mich selber gerne halte und an der sich ein guter Roman orientieren sollte. Hawthorne schrieb ungefähr: „Ein historischer Roman ist eine ganz besondere Welt, in der Fiktion und Realität so ineinander verwoben sind, dass man nicht mehr zwischen beiden unterscheiden kann.“ Deshalb muss meiner Meinung nach in einem guten historischen Roman so viel exakte historische Wahrheit wie möglich sein– und zwar ohne rosarote Romantik. Dazu kommt eine gute Story, Spannung, Emotion, eben all das, was jedes gute Buch braucht. Und bitte keine Zeitreisen, das ist Fantasy und hat im Genre historischer Roman nichts zu suchen.
Damit sind wir schon bei der häufigen Frage, ob ich selber gern eine Zeitreise machen würde. Tja, das scheint mir eher etwas für Romantiker zu sein. Wenn ich die Wahl hätte, dann zöge es mich wohl am ehesten ins späte Mittelalter, auf eine hübsche kleine Burg im Fränkischen, wo ich daheim bin. Da würde ich dann friedlich über mein Territorium herrschen. Oder ich ginge in eine reiche Handelsstadt in Italien, Siena oder Florenz und triebe Handel mit Luxusgütern. Oder aber ins Palermo des Stauferkaisers Friedrich II., wo sich Orient und Okzident begegnen. Das wäre der ideale Ort für Kunst und Philosophie. Eins ist allerdings dabei klar: Ich würde dabei in eine Männerrolle schlüpfen – für Frauen waren die Zeiten damals schlecht, und ich wäre nicht gern rechtlos und ohne die Möglichkeit, mein Leben wirklich zu bestimmen.
Allerdings glaube ich, dass wir Heutigen, die wir die Segnungen der Zivilisation und den Fortschritt der Medizin genießen, auf einer solchen Zeitreise von ziemlichem Entsetzen gepackt und ganz schnell wieder die Time-Machine in Richtung Gegenwart besteigen würden. Denken Sie nur mal, Sie hätten im Mittelalter Zahnschmerzen...
Und zum Schluss noch eine Frage, die regelmäßig gestellt wird: Wie lenken Sie sich ab, was tun Sie in ihrer Freizeit gern? Das ist ganz schnell zu beantworten: Meine Energiequelle ist die Musik. Seit meiner Jugend habe ich in den verschiedensten Bands und Stilrichtungen gesungen, mir damit später meine Promotion finanziert. Heute singe ich Jazz, die Klassiker, die jeder kennt. Mit meiner Band stehe ich regelmäßig auf der Bühne, das entspannt und inspiriert mich gleichzeitig.